Das Dilemma der christlichen Erziehung

Christliche Erziehung steht im Dilemma zwischen Furcht und Freiheit. Dazu sprach Prof. Dr. Tobias Künkler am Wintertreffen der SEA-Arbeitsgemeinschaft „Forum Ehe+Familie“ (FEF) in Zürich. Rund 50 Mitglieder und Interessierte setzten sich in Vorträgen und Diskussionen engagiert mit den Ergebnissen dieser breit angelegten Studie auseinander.

Wissenschaftler aus der CVJM Hochschule in Kassel und dem Studienzentrum Empirica untersuchten zwischen den Jahren 2014 bis 2016, wie Kinder in christlichen Familien aufwachsen. Professor Künkler präsentierte dem fachkundigen Publikum sehr ermutigende Ergebnisse. Christliche Familien sind quicklebendig und vital. Sie schaffen viel emotionale Wärme, vermitteln das Bild eines liebenden Gottes und pflegen lebendige Rituale. Christliche Väter und Mütter respektieren die Freiheit ihrer Kinder und sind sich bewusst, dass der Glaube nicht „gemacht“ werden kann. Dank diesen vertrauensvollen Eltern-Kind Beziehungen sind optimale Voraussetzungen für die gesunde Entwicklung von Kindern vorhanden. Viele Kinder sind mit der Erziehung ihrer Eltern derart zufrieden, so Künkler, dass sie es einst genauso machen wollen. Dies ist eine deutliche positive Entwicklung. Der gesellschaftliche Wandel weg vom autoritativen Erziehungsstil hat sich also keineswegs als negativ für christliche Familien erwiesen.
Doch steht christliche Erziehung im Dilemma, sagt Professor Künkler. Neben wachsender Freiheit ist Furcht ein Bestandteil christlicher Familien. Etwa ein Viertel der Befragten sind uneindeutig bezüglich Gewalt gegenüber ihren Kindern. Aber nicht nur körperliche Strafen lösen Furcht aus. Für viele der befragten Eltern ist es sehr wichtig, dass die Kinder ihre Art des Glaubens übernehmen oder sich in sexualethischen Fragen (Sex vor der Ehe, Homosexualität) nach ihren Vorstellungen entwickeln. Damit werde das Kind jedoch vor eine „alternativlose Entscheidung“ gestellt. Eine solche weit verbreitete, „einweisende Erziehung“ setzt Kinder unter grossen Druck. Denn Kinder wissen oft sehr genau, was sie ihren Eltern Schlimmes antun würden, wenn sie z. B. in Glaubensfragen nicht ihren Eltern folgen. Eine Identität ohne Glauben könne sich so nur mit Schuldgefühlen entwickeln, meint Künkler.

Künkler plädierte abschliessend dafür, dass Kinder auch in der Familie andere Weltanschauungen kennen lernen sollten. Nur so können sich Kinder, ohne Angst in einer pluralistischen Welt bewegen. Zudem solle man früh mit Kindern über Sexualität sprechen. Zu einer stimmigen Glaubenserziehung gehöre vor allem, dem Kind zu vermitteln, dass man es liebt, auch wenn es anders ist. Wer als Vater oder Mutter für seine Glaubensüberzeugungen wirbt und ihm Liebe vermittelt, egal welchen Weg es wählt („Hinweisende Erziehung“), leistet einen grossen Beitrag um dem Dilemma der christlichen Erziehung konstruktiv zu begegnen.

Nach ausführlichen Diskussionen mit dem Referenten wurden die Ergebnisse der Studie von den Teilnehmenden in vier Fachkreisen vertieft. Das FEF will Eltern konkret in ihrer Erziehungsarbeit unterstützen. Damit Eltern in der grossen Vielfalt von Erziehungsratgebern besser zwischen weniger Hilfreichen und guten Angeboten unterscheiden können, soll eine Hilfestellung erarbeitet werden, informierte Martin Schnyder vom Leitungsteam FEF.

Martin Schnyder vom FEF-Leitungsteam mit Tobias Künkler

 

Die Bücher zur Studie:

 

© Dieser Artikel wurde von Andi Bachmann für ideaSpektrum Schweiz verfasst, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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